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Statement

Montag, 18. September 2017

Laudatio Oberfrankenstiftung Sozialpreis 2017

Verleihung des Sozialpreises der Oberfrankenstiftung an die Diakonie Bamberg-Forchheim, 20.09.2017 in der Domäne in Sonnefeld Laudatio durch Bezirkstagspräsident Dr. Günther Denzler

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich, in meiner Eigenschaft als Bezirkstagspräsident von Oberfranken und als Stiftungsratsmitglied der Oberfrankenstiftung, auch in diesem Jahr die Laudatio für den Sozialpreis vortragen zu dürfen – vor allem auch deswegen, weil die Bayer. Bezirke den Schwerpunkt ihrer Aufgaben im sozialen Bereich haben.

Es erfüllt mich jedes Jahr mit besonderer Freude, zu sehen, welch großartige Arbeit in unserem Regierungsbezirk gerade im sozialen Bereich geleistet wird.
In diesem Jahr würdigt der Sozialpreis eine Einrichtung aus dem Bereich der Pflege. Das freut mich sehr, denn gerade die Pflege hat bei uns in Deutschland zu Unrecht einen schlechten Ruf.
Unser heutiger Preisträger zeigt, dass viele engagierte Menschen in der Pflege arbeiten, denen das Wohl der Pflegebedürftigen das Wichtigste ist!
Ich gratuliere ganz herzlich der Diakonie Bamberg-Forchheim zum Sozialpreis der Oberfrankenstiftung 2017.
Die Diakonie wird ausgezeichnet für die vorbildliche und engagierte Umsetzung eines Projektes zur Entbürokratisierung in der Pflege.
Als Erster in der Region Bamberg/Forchheim führte der Träger in vier seiner Einrichtungen das so genannte Strukturmodell ein.
Das hört sich jetzt erstmal recht technisch an. Worum geht es da genau?
Im Grunde geht es um eine ganz bestimmte Sache – um das vielleicht wertvollste Gut, das wir haben: es geht um ZEIT.

Seien Sie ehrlich: in unserer hektischen Zeit, in unserem durchgetakteten Leben fällt ganz oft der Satz:
„Dafür habe ich jetzt keine Zeit!“
Aber, meine Damen und Herren,
- „Das einzige Mittel, Zeit zu haben, ist: sich Zeit zu nehmen.“
Das Motto der Diakonie Bamberg- Forchheim lautet „Zeit für Leben“ – das macht schon deutlich, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihre Zeit sinnvoll für die Menschen einsetzen möchten! Das ist ein schöner Gedanke, aber wie kann er in der Realität umgesetzt werden?
Gerade in der Pflege, in der die „Zeit“ besonders rar ist? In der immer wieder beklagt wird, dass zu viel Zeit für „Schriftkram“ aufgewendet werden muss?
Vor rund zweieinhalb Jahren startete der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung ein Projekt zur Entbürokratisierung in der Pflege (kurz: „EIN-Step-Projekt“). Das so genannte Strukturmodell zur Dokumentation sollte mehr Zeit für die Versorgung der Pflegebedürftigen schaffen, unnötige Dokumentationspflichten reduzieren.

Die Einrichtungsleitung des Verbundes aus dem Seniorenzentrum Martin Luther in Streitberg, dem Demenzzentrum Lindenhof in Unterleinleiter und dem Seniorenzentrum Fränkische Schweiz in Ebermannstadt erfuhr recht früh von dem Projekt, war sofort Feuer und Flamme und nahm die Herausforderung an.
Denn auch in den gerade genannten Einrichtungen der Diakonie verbrachten die Pflegerinnen und Pfleger vorher zu viel Zeit mit der Dokumentation ihrer Pflege.
Jede durchgeführte Tätigkeit war zu unterschreiben!
Ein ungeheurer Aufwand für Selbstverständlichkeiten:
- Zähne geputzt
- Haare gekämmt
- Gesicht gewaschen
Alles musste einzeln abgezeichnet werden. Es galt der Grundsatz: was nicht dokumentiert ist, gilt als nicht erbracht.
Auch die Pflegeplanung war viel zu bürokratisch. Sämtliche Lebensbereiche wie beispielsweise die Mobilisierung waren aufwendig darzustellen, selbst bei dauerhaft bettlägerigen Patienten.

Sehr geehrte Damen und Herren,
natürlich muss die Pflege nachvollziehbar sein, zum Beispiel auch für Prüfer, die die Qualität der Pflege überwachen. Ohne Dokumentation geht es nicht!
Aber es sollte auch auf die Kompetenz unserer Pflegekräfte vertraut werden und nicht überall Misstrauen gesät werden.
Nach Erhebungen des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2013 wenden Pflegekräfte rund 13 Prozent ihrer Arbeitszeit für die Pflegedokumentation auf. Dadurch entstehen pro Jahr Kosten in Höhe von ca. 2,7 Milliarden Euro.

Dass gehandelt werden muss, ist schon lange klar. 2015 erfolgte dann der bundesweite Start des Projektes „Ein-Step“. Die Diakonie Bamberg-Forchheim war unter den ersten, die dabei waren.
Mit dem Strukturmodell konnte nun der Dokumentationsaufwand erheblich reduziert werden, ohne fachliche Qualitätsstandards zu vernachlässigen.
Im Einrichtungsverbund der Diakonie etwa bedeutet die Umstellung auf das neue Dokumentationsverfahren in einer Gruppe mit 35 Bewohnern einen Zeitgewinn von unglaublichen 7,5 Std am Tag!
7,5 Stunden mehr Zeit für die eigentliche Pflege.
Das Projekt wird von allen Seiten befürwortet – auch von den Prüf-Instanzen.
Wie genau diese neue Dokumentationspraxis aussieht, möchte ich Ihnen jetzt nicht im Detail erklären, das würde den Rahmen dieser Laudatio sprengen. Nur so viel:
Es erfolgt ein Umdenken - weg von kleinlichen Dokumentationspflichten, die wertvolle Zeit für die direkte Pflege und die Betreuung der Menschen rauben. Es werden nur noch Abweichungen von der routinemäßigen Tagesversorgung dokumentiert.
Das spart eine Menge Dokumentationsaufwand.
Das betrifft nicht nur die Dokumentation der täglichen Pflege, sondern auch die Pflegeplanung, die umfassend abgespeckt wurde. Früher umfasste so eine Planung gerne mal 15 Seiten, heute ist alles auf ein bis zwei Seiten zusammengefasst.

Zwei Jahre dauerte die Umstellung in den Einrichtungen der Diakonie Bamberg-Forchheim insgesamt – heute wird die neue Dokumentationspraxis erfolgreich angewandt. Die Umstellung war insgesamt natürlich eine arbeitsreiche Phase, immerhin waren rund 150 Mitarbeiter betroffen.
Teilweise wurde in der ersten Phase doppelt dokumentiert – nach dem alten und dem neuen System. Nach der Umstellung auf das neue System herrscht bei der Diakonie nun allerdings die einhellige Meinung: das hat sich gelohnt!

Endlich bleibt mehr Zeit für die wirklich wichtigen Aufgaben – die Pflege der Menschen.
Ich möchte Ihnen dazu ein paar Fakten aus dem Abschlussbericht des Diakonischen Werkes nennen:
- Wie schon erwähnt: Man verzeichnet eine Gesamteinsparung an Zeit pro Tag von 7,5 Stunden in einer Wohngruppe mit 35 Bewohnern
- Die Arbeitszufriedenheit ist gestiegen: Mitarbeiter berichten davon, dass sie sich von bisher belastenden Dokumentationspflichten regelrecht befreit fühlen
- Das neue System stärkt die Fachlichkeit und Argumentationsfähigkeit der examinierten Mitarbeiter
- Die Vereinfachung der Dokumentation ist offensichtlich – die neue Form der Übersicht auf einer Seite wird von den Mitarbeitern als Hilfsmittel zur Pflege und Betreuung der Bewohner genutzt. Auch Mitarbeiter, die einen Bewohner nicht kennen, können sich innerhalb kürzester Zeit einen Überblick verschaffen.


Würdigung
Sehr geehrte Damen und Herren,
Die Oberfrankenstiftung würdigt mit dem Sozialpreis 2017 das vorbildliche Engagement der Diakonie Bamberg-Forchheim auf dem Weg zur Entbürokratisierung. Die Diakonie hat sich nicht gescheut, in diese Entwicklung zu investieren – dem Projektbeauftragten wurden Stunden für seine neue Aufgabe eingeräumt, die EDV-Systeme mussten umgestellt werden, die Mitarbeiter wurden umfassend geschult. Fördermittel wurden weder vom Bund noch vom Freistaat Bayern bereitgestellt.
In der Region Bamberg/Forchheim waren die Einrichtungen der Diakonie die ersten, die sich dieser Umstellung erfolgreich stellten – und auch bundesweit waren sie ganz vorne mit dabei. Der Träger ging auf diesem Gebiet voran und erarbeitete erstmalig konkrete praktische Umsetzungserkenntnisse, die über die Implementierungs-Empfehlungen der Initiatoren hinausgingen.

Nach zwei Jahren Umstellungsphase wird das Strukturmodell heute erfolgreich angewandt. Im Verlauf des Projektes wurden die Ergebnisse und Erfahrungen aus der Pilotphase auf mittlerweile fast alle Einrichtungen des Trägers übertragen. Mittlerweile haben sich fast die Hälfte aller Pflegeeinrichtungen in Deutschland für eine Teilnahme an dem Projekt registriert.
Ein besonderes Lob möchte ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aussprechen – sie haben die Umsetzung voll mitgetragen und waren – so die Auskunft der Einrichtungsleitung – voll motiviert, ja fast schon euphorisch. Ohne dieses Engagement geht es natürlich nicht!
Ein menschliches Miteinander und Zeit und Verständnis für sein Gegenüber – gerade in der Pflege ist dies besonders wichtig!

Daher freut es mich sehr, dass wir mit dem diesjährigen Sozialpreis eine Entwicklung unterstützen, die den Fokus wieder auf diesen Grundsatz richtet.

Ich hoffe, das Vorbild der Diakonie macht anderen Einrichtungsträgern Mut, die Umstellung auf die neue Dokumentation anzugehen. Es steckt noch viel Potential in diesem Projekt – und viel Zeit, die freigesetzt werden kann für die pflegebedürftigen Menschen in Oberfranken.
Bis heute haben sich 142 ambulante und stationäre Einrichtungen in Oberfranken für die Umstellung auf das neue System registriert.
Die Diakonie Bamberg-Forchheim mit ihren Erfahrungen unterstützt Einrichtungen bei der Umstellung und betreibt einen intensiven Transfer in andere Einrichtungen. Es liegen zahlreiche Anfragen vor, in denen der Projektverantwortliche Herr Bretfeld um Vorstellung und Beratung ersucht wird. Vielen Dank auch dafür, dass Sie Ihre Erfahrungen weitergeben und teilen.

Nicht zuletzt hoffe ich, dass das Projekt dazu beiträgt, den Pflegeberuf generell wieder attraktiver zu machen. Die belastende Dokumentationspflicht wird häufig als Grund für einen Ausstieg aus dem Pflegeberuf genannt – das könnte sich mit dem neuen System ändern und so dem Fachkräftemangel entgegenwirken.
Ich gratuliere allen, die an dem erfolgreichen Projekt mitgewirkt haben zu diesem Erfolg – sie selbst profitieren davon nun Tag für Tag in Ihrer Arbeit.
Ich freue mich, nun den Sozialpreis an den Vorstandsvorsitzenden des Diakonischen Werkes Bamberg-Forchheim, Herrn Dr. Norbert Kern zu übergeben!

 

Weitere Informationen:

Homepage des Bezirks Oberfranken

 

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